Kampf um Downtown

Die Krise der Innenstädte ist überall sicht- und spürbar. Läden schließen, Einkaufszeilen veröden. Doch unsere Städte brauchen vitale Zentren. Gut daher, dass viele Akteure die Unsicherheit momentan nutzen, um unkonventionelle Lösungen jenseits der Shopping Monotonie zu entwickeln.

Illustration von Francesco Poroli

Es ist nicht einfach mit der Urbanität. Die ganz große städtische Idee sollte es sein, die das Team des österreichischen Pavillons auf der diesjährigen Architekturbiennale umsetzen wollte. Den Pavillon nach außen öffnen wollten sie, den Stadtteil an der Grenze des Biennale-Geländes hereinlassen – und damit eine neue Zentralität schaffen, urbane Intensität an ungewohntem Ort. Doch die Österreicher hatten ihre urban-innovative Rechnung ohne die Behörden in Venedig gemacht.

Die Idee, die Mauer um das Gelände in den Giardini aufzubrechen, ging denen zu weit, die Vorstellung, dass das normale Volk die Giardini stürmen könnte, wohl auch. Selbst die Kompromissidee einer Brücke über die Mauer lehnten die Beamten ab. Den Kuratoren rund um den renommierten Architekten Hermann Czech blieb nur, das Ganze zu dokumentieren, verbunden mit einer Auflistung der Ausbreitung des Biennale-Geländes seit deren Gründung. Eine Geschichte des Scheiterns? Ja und nein. Klar, das Projekt wurde unterbunden. Zugleich ist das Ganze aber durchaus aussagekräftig in Bezug auf das Thema dieses Heftes – der Schaffung und Aufrechterhaltung urbaner Zentralität nämlich. Denn was das Projekt der Österreicher ja dokumentiert, ist: Städtische Dynamik lässt sich nicht so leicht schaffen. Es gibt viele Hürden zu überwinden. Und willkürlich gezogene Grenzen aller Art erschweren die Setzung einer neuen Dynamik.

Das gilt in Venedig natürlich ganz besonders, einer Stadt, deren Zentralität und urbane Funktionsweise von globalen Phänomenen wie dem Massentourismus und wohl auch dem Klimawandel zunehmend bedroht werden. Die Stadt ist ja ein urbanes Paradoxon: Im Sommer oder in Festivalwochen quillt sie über. „Echte“ Venezianer wohnen aber zunehmend weniger in den engen Gassen, sie ziehen sich aufs Festland zurück oder in Gegenden, die ein größeres Angebot an Jobs parat halten. Was die Frage aufwirft: Wenn in Venedig niemand mehr lebt, für wen ist diese Stadt dann eigentlich gemacht? Und kann man bei ihr überhaupt noch von urbaner Vitalität sprechen – trotz des Trubels in den Gässchen?

Zugleich kann vieles, was sich am Lido tut, auch für unsere Städte insgesamt gelten. Das, was urbane Zentralität (heute) wirklich ausmacht, wird ja nicht nur am Canal Grande gerade neu verhandelt. Der Befund ist nämlich ziemlich klar: Unsere Innenstädte stecken in der Krise. Der Einzelhandel darbt, der Onlinehandel und die Konsumzurückhaltung setzen ihm zu.

Auch in Deutschland. Um 11.000 Läden schrumpfte das Gesamtangebot an Geschäften hierzulande in den vergangenen Jahren jährlich. Zuvor war „nur“ ein Rückgang um 5000 Läden pro Jahr zu verzeichnen gewesen. 311.000 Geschäfte wird es Ende dieses Jahres mutmaßlich noch geben im Land. HDE-Präsident Alexander von Preen sagt:

„Angesichts der Zahlen der letzten Jahre müssen in allen Innenstädten und bei der Politik alle Alarmglocken läuten. Denn ohne erfolgreichen Einzelhandel haben die Stadtzentren kaum Zukunftsperspektiven.“

Genau letzteres Statement wird gerade verhandelt. Denn wie zentral der Einzelhandel für unsere Städte wirklich ist, wäre noch zu klären. Ist, wie Konsumkritiker gerne deklarieren, ein Zentrum auch ohne Shoppingzentrierung denkbar?

Zumindest ist das Downtown von morgen multifunktionaler. Wie es genau aussehen kann, darüber denken gerade alle deutschen Kommunen nach. Und sie öffnen ihre Zentren den Experimenten von Kunst und Forschung. Frei werdende Flächen gibt es zur Genüge, nicht zuletzt durch die Pleite des Kaufhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof. Beispiel Hannover: Stadt, Wissenschaft und Wirtschaftsförderung haben dort gemeinsam den leer stehenden Kaufhof (früher Horten) an der Marktkirche übernommen. Bis Ende des Jahres bespielen sie das frühere Kaufhaus mit der ikonischen Eiermann-Fassade kreativ. Ausstellungen, Kunstdialoge und Workshops zu Themen wie Zukunft der Arbeit schaffen Intensität und locken die Bevölkerung in die Hallen des einstigen Shopping-Tempels.

„Wenn in Venedig nie­mand mehr lebt, für wen ist diese Stadt dann eigent­lich gemacht?“

Illustration von Francesco Poroli

Dabei dürfte nicht nur interessant sein, was bei den einzelnen Veranstaltungen herauskommt, sondern vor allem, wie diese sich die Riesenräume aneignen. Denn in Hannover wie anderswo stellt sich ja nicht zuletzt die Frage: Was soll man mit Gebäuden anstellen, die eindeutig als Kaufhaus konzipiert wurden? Gibt es eine räumlich sinnvolle Nachnutzung – oder bleibt nur der Abriss? In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung habe ich bezogen auf den Horten-Kaufhof-Bau vor ein paar Wochen ein baukulturelles Plädoyer pro Erhalt und Umbau formuliert. Klar ist dabei: Jeder Standort ist individuell zu betrachten. Jede Location bietet besondere Stärken, hat aber auch ihre speziellen Herausforderungen. Denen widmet sich in Köln gerade auch ehret+klein selbst.

Das Unternehmen entwickelt gemeinsam mit renommierten Architekten zwei Projekte am Standort Hohe Straße. Zusammen mit dem dänischen Großbüro Henning Larsen revitalisieren die Starnberger das „Mantelhaus Goertz“, Hohe Straße 93–99. Ein Vollgeschoss und ein Staffelgeschoss setzen die Planer auf den Bau auf. Einen Neubau realisiert der Kölner Architekt Caspar Schmitz-Morkramer am Standort Hohe Straße 134–136. Der dort geplante Holzhybrid-Bau kombiniert Fassaden- und Dachbegrünungen mit einer sich öffnenden Gestaltung inklusive einer Außentreppe zur öffentlich zugänglichen Dachterrasse.

Den Eingangsbereich versetzen die Architekten nach hinten und schaffen damit einen zusätzlichen öffentlichen Raum. Solche gestalterischen Einladungen, die städtische Öffentlichkeit neu auszuhandeln, wird es künftig vermehrt benötigen. Denn Architekten, Entwickler, öffentliche Hand und Stadtgesellschaft sitzen letztlich ja im selben Boot.

Dieses fragile Konstrukt Innenstadt ist für sie alle wichtig. Da braucht es so viele Akzente und Ideen wie möglich, um zu neuen Nutzungskonzepten und einer neuen Identität zu gelangen.

Der Begriff der Identität ist zentral. Denn das Prinzip Innenstadt hat eine wichtige kulturelle Funktion. Das „Downtown“ war immer der Ort, an dem Neues gedacht und gelebt wurde. Downtown ist der Ort, wo die Stadtgesellschaft sich selber ausprobiert und weiterentwickelt. Und Städte lassen sich mit dem Blick nach Downtown lesen. Deshalb ist es letztlich auch eine Chance, wenn die Dominanz globaler Kaufhausketten der Vergangenheit angehört. Weil diese eben wenig über die lokale Kultur einer Stadt, über den Genius Loci, über die urbane Identität aussagen.

Zentral ist in diesem Kontext immer das, was im Bereich Erdgeschoss geschieht oder eben auch nicht geschieht. Hier treffen Öffentliches und Privates zusammen. Die Erdgeschosszone nimmt für Städte „eine herausragende Rolle ein“, so Andreas Schulten und Joseph Frechen von bulwiengesa. Sie sind mit verantwortlich für die aktuell laufende Erdgeschossstudie, die verschiedene Player der Szene gemeinsam mit der Bundesstiftung Baukultur durchführen. Und dabei geht es nicht zuletzt um neue Nutzungskonzepte für dieses vitale Stück Stadt. Schulten und Frechen glauben: Die Erdgeschossnutzungen „dienen als Interaktionsfläche zwischen dem öffentlichen Draußen und dem halböffentlichen bis privaten Drinnen, inklusive dem Erschließen der überwiegend privaten Obergeschossflächen.“

Zentral am Statement der beiden Manager: der Begriff der Halböffentlichkeit. Genau hier liegt der Charme der momentanen Situation: Wir können alle gemeinsam neu verhandeln, was öffentlich, privat – und eben halböffentlich ist. Projekte wie der Aufhof in Hannover zeigen, wie Orte geschaffen werden können, die sich verschiedene Stadtakteure aneignen können, möglicherweise eben auch temporär.

Hier sind außerdem Projektentwickler und Architekten gefragt, um räumliche Lösungen zu generieren, die dies auch in Zukunft ermöglichen. Und die Stadtgesellschaft als ganze muss begreifen, dass trotz aller Begeisterung für die 15-Minuten-Stadt nicht alles im Stadtteil spielen kann. Vielmehr hat ein vitales Downtown viel zur urbanen Kreativität und zur Produktivität einer Stadt beizutragen. Um das zu verstehen, müssen wir nicht mal nach Venedig schauen.

„Und die Stadtgesellschaft als ganze muss begreifen, dass trotz aller Begeisterung für die 15-Minuten-Stadt nicht alles im Stadtteil spielen kann.“

Illustration von Francesco Poroli

Weitere Beiträge

Der Begriff des „Impact Investors“ klingt schön, beschreibt aber eine neue Realität, die noch im Werden begriffen ist. Trotzdem: Nicht zuletzt unsere Innenstädte können profitieren, wenn Geldgeber ihre Ziele sozial, kulturell oder ökologisch erweitern. Ein Beitrag von Alexander Gutzmer.
Lissie Kieser ist ein Kreativposten in der Münchner Stadtgesellschaft. Zusammen mit Michi Kern und Gregor Wöltje initiiert sie Kreativprojekte, die der Innenstadt neues Leben einhauchen.
Michael Ehret erläutert, wie Investoren und Developer gemeinsam ein verändertes Mindset entwickeln – und sich auch selbst ein Stück weit neu erfinden.
Kaum ein Architekturbüro ist in so vielen Innenstädten aktiv wie MVRDV. Immer wieder warten die Holländer mit überraschenden urbanen Entwürfen und Lösungen auf. In diesem Beitrag skizzieren dessen Partner Jacob van Rijs und Jan Knikker, wie sie die Innenstadt heilen wollen. Verantwortlich dafür: wir alle.