Der lange Weg zur Wende

Die Transformation unseres Verkehrs bringt Heraus­forde­rungen mit sich. Für nachhaltige Erfolge müssen Auto­industrie, Immobilien­branche und Politik zusammen­arbeiten. Einblicke in einen so zähen wie umfassenden Wandel.

Christoph Heilmeier

40% weniger Treibhausgase stößt Deutschland im Vergleich zu 1990 aus. Die Emissionen des Verkehrssektors haben sich trotz aller Innovation allerdings seit nun über 20 Jahren kaum reduziert. Ihr Anteil liegt nach Angaben des Umweltbundesamtes mittlerweile bei fast 20 Prozent.

1,44 Personen sitzen durchschnittlich in einem Auto, meldet das Bundesverkehrsministerium. Das ist nicht nur ein Problem für die Umwelt, sondern bringt zunehmend auch unsere Verkehrssysteme an ihre Grenzen. In den USA und Kanada wird mit Hilfe von Carpool Lanes versucht, gegen diese Ineffizienz vorzugehen.

204 Euro kostet ihr Auto monatlich, denken die Deutschen. Uns ist gar nicht bewusst, dass die realen Kosten mehr als doppelt so hoch sind. Vor allem der Wertverlust und Reparaturen werden erheblich unterschätzt. Die Folge sind für die Mobilitätswende gravierend: Alternative Verkehrsmittel erscheinen für viele Nutzer teurer, obwohl sie eigentlich wesentlich günstiger sind. Besonders das Carsharing hat mit diesem Phänomen zu kämpfen und hält dem unfairen Kostenvergleich oft nicht stand. Als Faustregel gilt: Für den, der weniger als 10.000 Kilometer im Jahr oder 830 Kilometer im Monat fährt, ist Carsharing meist günstiger.

425 Euro zahlen die Deutschen laut Statistik durchschnittlich für ihr Auto pro Monat, wenn man alle Kosten berücksichtigt. Die letzte groß angelegte Studie (des ADAC) stammt von Anfang 2020, heute dürften die Kosten also vermutlich eher bei 500 € monatlich liegen. Für Neuwagen sind die monatlichen Kosten über die ersten fünf Jahre sogar noch höher. Hier ein paar Beispiele: VW ID.3: 797 € | Seat Leon: 697 € | BMW 320: 1020 €

VW ID3

48,8 Millionen Pkw sind in Deutschland heute zugelassen, und es werden immer mehr. 2,6 Prozent davon sind mittlerweile elektrisch. Vor allem die Anzahl der Zweit- und Drittwagen in Haushalten nimmt weiterhin zu, doch gerade hier bietet die Nutzung von Carsharing-Angeboten eine komfortable und kostengünstige Alternative.

30.000 Euro und mehr kostet bei vielen Projekten der Bau eines einzigen Tiefgaragenstellplatzes. Die effiziente Ausnutzung des vorhandenen Parkraums sowie die Reduzierung des Stellplatzbedarfs durch ganzheitliche Mobilitätskonzepte sind wichtige Bausteine für mehr bezahlbaren Wohnraum.

70% beträgt die maximale Auslastung des Parkraums selbst in dicht besiedelten Großstädten. Trotzdem findet man keinen Parkplatz, weil die vorhandenen Stellplätze nicht geteilt und damit effizient ausgenutzt werden. Vor allem in mischgenutzten Immobilien verspricht digitales Parkraummanagement intelligente Mehrfachnutzungen zwischen den Bewohnern, Kunden, Besuchern und Mitarbeitern. Dies macht auch kleinere Tiefgaragen zu eigenständigen und attraktiven Investitionsobjekten.

1.400 Fußballfelder oder auch zehn Quadratkilometer – so viel Fläche beanspruchen parkende Autos alleine in München.

41 Stunden pro Jahr verbringt der Deutsche durchschnittlich mit der Parkplatzsuche, wie das Service- und Analyseunternehmen INRIX errechnet hat.

2,2 Carsharingautos pro 1.000 Einwohner gibt es in München. Damit liegt die bayrische Landeshauptstadt deutschlandweit auf Platz zwei hinter Karlsruhe. Aber im Vergleich zu deutschlandweit durchschnittlich 579 privaten Pkw pro 1.000 Einwohner erscheint selbst ein solcher Spitzenwert ernüchternd. Und außerhalb der Metropolen wird das Angebot schnell sehr dünn. In Mittel- und Kleinstädten gibt es, wenn überhaupt, nur eine Handvoll Fahrzeuge. Doch gerade hier besteht oft keine wirkliche Alternative zum privaten Pkw. Die bezahlbare geteilte Nutzung von Fahrzeugen wird daher eine wichtige Rolle für eine sozial gerechte Mobilitätswende spielen

60% erneuerbare Energien: Im dritten Quartal 2023 konnte dieser Rekordwert im deutschen Strommix erreicht werden, so das Statistische Bundesamt. Das ist ein wichtiger Schritt für die Mobilitätswende, denn die Elektromobilität kann erst mit nachhaltig erzeugtem Strom ihr volles Potenzial für den Klimaschutz entfalten.

80% der Umsätze mit Fahrrädern in Deutschland machen mittlerweile E-Bikes aus. Ähnlich hoch ist der Anteil im europäischen Vergleich nur in den Niederlanden.

11 Millionen Bürger haben das Deutschlandticket. Ziel ist es, den Individualverkehr sukzessive von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Der ÖPNV und der Zugverkehr bilden das Rückgrat der Mobilitätswende, doch nur die Kombination aus verschiedenen Verkehrsmitteln und Angeboten machen eine multimodale und nachhaltige Mobilität für den Nutzer attraktiv.

4,5 Millionen Menschen nutzen Carsharing und 34.000 geteilte Autos gibt es in Deutschland.

Christoph Heilmeier ist Gründer und Geschäftsführer von e+k move. Die Tochterfirma von ehret+klein beschäftigt sich mit allen Auswirkungen der Mobilitätswende auf die Immobilienwirtschaft. Als Full-Service-Dienstleister kümmert sich das Unternehmen sowohl um die Konzeptionierung und den langfristigen Betrieb von elektrischer Shared Mobility als auch um die Implementierung von digitalen Parkraumbewirtschaftungssystemen in Immobilienprojekten.

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