Das København in uns allen

Die dänische Metro­pole ist dieses Jahr Welt­haupt­stadt der Architektur – und Camilla van Deurs ihre erste bau­kul­turelle Vertre­terin. Hier erläutert sie, wie sie Kopen­hagen weiter­ent­wickeln will, warum zu viele Cafés in der Innen­stadt auch nicht gut sind – und weshalb man auch von New York etwas lernen kann.

Camilla van Deurs

Camilla, lassen Sie uns doch einmal über das Konzept der Innenstadt sprechen …

Gerne, gerade im europäischen Kontext ist das ein hochaktuelles Thema. Ich komme gerade von einer Konferenz in Barcelona zurück, wo ich mit deren Stadtarchitekten Xavier Matilla über ihr Konzept der Superblocks gesprochen habe. Xavier hatte Vertreter aus elf Städten eingeladen, und wir tauschten Best Practices und Erfahrungen aus.

Was sind denn Ihre Best Practices? Kopenhagen wird oft als lebenswerteste Stadt der Welt bezeichnet. Hat das auch etwas mit der Innenstadt zu tun?

Ich denke schon. Natürlich ändert sich die Bedeutung der Innenstadt heute. In Kopenhagen hat diese Transformation mit unserem Konzept der Fünf-Minuten-Stadt zu tun, was für uns bedeutete, viele urbane Funktionen in die Nachbarschaften

zu bringen. In den Bezirken entstehen öffentliche Räume. Wir brauchen also in Downtown eine neue Mischung aus Funktionen und Nutzungen – eine große Aufgabe, aber auch eine Chance.

Erzählen Sie ein bisschen über die Ursprünge der Kopenhagener Innenstadt.

Unser Stadtzentrum ist mittelalterlich, wie das vieler europäischer Städte. 700 Jahre lang lag unsere Stadt hinter Befestigungsmauern. Wir brauchten Schutz vor den Schweden und den Engländern. Später gab es den großen Ausbruch

der Cholera im Jahr 1853. Dies führte zu einem starken Bedarf an Grünflächen, was die Stadtplanung beeinflusste. Man muss sich das mal vorstellen, 1854 lebten in unserer Innenstadt 115.000 Einwohner, heute sind es nur noch 15.000.

Und das ist gut so?

Ambivalent. Was wir im Laufe der Jahrzehnte gesehen haben, war eine zurückgehende Bedeutung der Innenstadt. Es gab die historischen Gebäude, die Regierungsfunktionen, aber es gab keine lebendige Gemeinschaft. 1961 baute Kopenhagen die zweite Fußgängerzone der Welt, die Strøget. Dies war ein Versuch, die Menschen wieder zum Einkaufen zu bringen und das Zentrum zu befähigen, mit den Malls am Stadtrand zu konkurrieren. Dazu kam in den letzten 20 Jahren eine Rückgewinnung des öffentlichen Raums, was gut ist. Allerdings denken wir, dass wir jetzt zu viele kommerzielle Aktivitäten im Zentrum haben. Früher war es das Einkaufen, heute die Café-Kultur.

Straßencafés werden normalerweise als eine gute Sache angesehen.

Bis zu einem gewissen Grad sind sie es. Aber wir brauchen auch andere Aktivitäten. Es ist gut, wenn die Menschen wieder ins Zentrum kommen – und da s tun sie auch, hat der Urbanist Jan Gehl kürzlich in einer umfassenden Recherche dokumentiert. Aber man muss den Menschen auch Orte bieten, die sie ohne Konsumzwang nutzen

können. Außerdem schafft dies eine soziale Heterogenität, die wir alle uns ja wünschen.

Wie geht es also weiter?

In den letzten Jahren befand sich die Stadt ziemlich im Stillstand. Die Menschen hier wurden auch von dramatischen Ereignissen wie dem urbanen Terrorismus beeinflusst, bei dem Autos benutzt wurden, Menschen zu rammen. 2019 haben wir eine Bürgerversammlung initiiert, um Ideen für unsere Innenstadt zu generieren. Die Bürgerinnen und Bürger schlugen unter anderem vor, 85 Prozent aller Straßenparkplätze zu streichen. Die Politik hat auf dieser Grundlage beschlossen, einen neuen Plan für öffentliche Räume und Mobilität zu verabschieden. Also schaffen wir jetzt neue Fußgängerzonen, mit Straßenparkplätzen, die auf Anlieferungen oder für behinderte Menschen beschränkt sind. Einem anderen Vorschlag folgend, schaffen wir derzeit mehr Grünflächen. Für Kopenhagen ist das lebensnotwendig, weil unser Zentrum sehr dicht ist und nicht die Tradition grüner Straßen wie zum Beispiel Berlin hat. Und dann schränken wir tatsächlich kommerzielle Aktivitäten ein und schaffen neue Freiräume für die dort lebenden Menschen.

Ändern Sie das gesamte Zentrum auf einmal?

Nein, im Sommer 2021 haben wir fünf Bereiche definiert, in denen wir mit neuen aufgemalten Bürgersteigen Testgelände geschaffen haben, um zu beweisen, dass Geschäfte durch eine Verkehrsreduzierung nicht eingehen.

Was ist das größte Hindernis für das Programm?

Eine Schwierigkeit für uns ist der Umgang mit dem Nachtleben. Wir stehen hier in engem Austausch mit Berlin, um von den Erfahrungen dort zu lernen. Einerseits ist Nachtleben gut, Zeichen für eine lebendige Kulturszene. Andererseits kann es zu viel werden, die Straße übernehmen und Gewalt- und Drogenprobleme schaffen. Das zu kontrollieren ist schwierig, aber notwendig.

Wie steht es um die Architektur?

In architektonischer Hinsicht sind die meisten Gebäude denkmalgeschützt. Wir haben eine Hochhausrichtlinie, die nicht zulässt, dass ein neues Gebäude höher als 24 Meter ist. So behält die Altstadt ihre Skyline. Letztere soll ein bisschen wie eine Geburtstagstorte aussehen: fünf Stockwerke mit Türmen wie die Kerzen auf der Torte. 

Und was ist mit der räumlichen Innovation?

Wir brauchen ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz des Vorhandenen und der Innovation. Ich bin offen für räumliche Experimente, aber hauptsächlich im öffentlichen Raum.

Klingt nicht so, als ob Ihr Job als Stadtarchitektin vor allem darin bestünde, spektakuläre Architektur zu fördern.

Das ist sicherlich nicht die Hauptaufgabe. Insgesamt hat sich die Rolle des Stadtarchitekten verändert. Von 1886, als der Titel geschaffen wurde, bis 2000 war die Hauptaufgabe des Stadtbaumeisters die Gestaltung öffentlicher Gebäude. In den letzten 20 Jahren hat sich dies in die Funktion eines Politikberaters gewandelt. Das bin ich. Ich berate Politiker und städtische Ämter. Dazu muss ich die Programme aller sieben Parteien verstehen, die derzeit im Stadtrat sitzen.

Und hören sie Ihnen zu?

Hoffentlich. Im Allgemeinen tun sie das, auch wenn natürlich die Politiker die Richtlinien festlegen und die Entscheidungen treffen. Aber es gibt immer Dinge, die in mein kleines Buch der Reue geschrieben werden, von denen ich wünschte, sie wären anders gewesen.

Im Jahr 2023 ist Kopenhagen die Welthauptstadt der Architektur. Das Highlight Ihrer Zeit als Stadtbaumeisterin?

Definitiv. Dies ist eine wirklich großartige Gelegenheit, um über die Stadt der Zukunft nachzudenken. Dazu gehört natürlich das Ziel, klimaneutral zu werden. Das wollten wir bis 2025 erreichen, was nicht funktionieren wird. Wir sind zu 86 Prozent klimaneutral, haben aber immer noch 430.000 Tonnen CO₂ pro Jahr zu viel. Ideen liefern die Pavillons am Hafen, das absolute Kernstück des Festivals. Sie zeigen auf, wie man mit Holz baut, wie man sich mit raueren Innenausbauten begnügt, welche für eine spätere Neunutzung gedacht sind. Die Pavillons haben eine Ästhetik der Nachhaltigkeit geschaffen.

Und sie sind ein schönes Beispiel für eine urbane Intervention, die auch auf ein neues Konzept von Innenstadt hinweist.

Es war eine bewusste Entscheidung, sie in der Nähe des Hafens zu platzieren, um den Hafen zu aktivieren. Hafengebiete sind heute in vielen Städten, nicht nur in Kopenhagen, Orte der Entwicklung. Unsere Idee war es, die Menschen einzubeziehen, sie zu befähigen, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Dabei geht es nicht nur um Aktivisten, sondern um uns alle. Das Hafengebiet ist dafür perfekt, denn Häfen waren traditionell Orte, an denen sich Fremde trafen …

… der alte Habermas-Gedanke, der immer noch das Muster einer funktionierenden Öffentlichkeit bildet.

Exakt. Das ist der Schlüssel zur nachhaltigen Transformation der Stadt: Wir werden nur Erfolg haben, wenn die Öffentlichkeit dies zu ihrem eigenen Thema macht.

„Jede Stadt kann ein bisschen sein wie Kopenhagen.“

Camilla van Deurs

Bleiben wir noch ein wenig bei der Rolle des Hafenkonzepts für Kopenhagen. Neben dem Innenstadthafen gibt es ein weiteres Großprojekt, den „Nordhavn“.

Hier entsteht ein neues Wohngebiet. 2009 gewann ein Team unter der Leitung von Cobe Architects den Wettbewerb zur Umgestaltung des alten Containerhafens. Ihre Neugestaltung schafft Platz für 45.000 Menschen zum Leben und Arbeiten. Der erste Teil ist fertig. Das Projekt ist komplex, aber auch interessant, mit den historischen Gebäuden in der Umgebung. Cobe konzipierte sie als räumliche Gegenspieler zur neuen Architektur, die sie umwebt. Dieses Konzept der Dualität war gewagt, aber für mich macht es Sinn.

Absolut, das ist das Interessante an der Philosophie architektonischer Umnutzung – nicht dass alles harmonisch und im Wesentlichen gleich ist, sondern dass die Reibungen zwischen verschiedenen Architekturepochen produktiv ausgenutzt werden.

Ich stimme zu. Abgesehen von der architektonischen Form ist der Nordhavn als Energielabor konzipiert. Wir nutzen das Meer zur Kühlung. Parkhäuser werden zu großen Batterien, in denen wir Sonnenenergie sammeln, die wir nachts in die Gebäude zurückbringen. Und dann wollen wir natürlich auch eine lebendige Nachbarschaft schaffen.

Wie werden kommerzielle Entwickler eingebunden?

Geplant wird das Areal von einem Unternehmen, das zu 95 Prozent der Stadt Kopenhagen gehört. Die erzielten Gewinne fließen in die Finanzierung der U-Bahn. Einzelne Grundstücke werden an private Entwickler verkauft.

Wie konfliktträchtig ist generell die Zusammenarbeit mit privaten Entwicklern in Dänemark?

Natürlich gibt es Konflikte. Wichtig ist, die unterschiedlichen Rollen zu verstehen. Die Stadt Kopenhagen besitzt nur 20 Prozent der Flächen. Wir können also nicht alle notwendigen Änderungen ohne Kollaboration vornehmen. Man muss die Sweet Spots finden, an denen man mit ziemlich strengen Vorschriften durchkommen kann, ohne den ganzen Willen zum Bauen zu zerstören. Und man muss sagen, dass manche Entwickler inzwischen eigene soziale und kulturelle Ambitionen haben. Manchmal tun sie viel mehr, als wir verlangen.

Was ist der Trick dabei?

Es ist wichtig, im Dialog zu bleiben. Und: Man muss glaubwürdig sein, alle gleich behandeln. Machen Sie keine Individualdeals. Das schafft Vertrauen.

Und dann herrscht die große Harmonie?

Nicht immer. Seien wir realistisch: Bauen heißt Konflikte lösen, Dilemmata bewältigen. Was kommt auf ein Dach? Öffentlicher Raum? Solarplatten? Manchmal bedeutet Entwicklung, Entscheidungen zwischen guten Alternativen zu treffen.

Kopenhagen scheint diese Entscheidungen ziemlich smart zu treffen. Das internationale Image ist grandios, die Stadt gilt als Vorbild. Aber was ich mich frage: Hat das Grenzen? Wollen wir, dass alle Städte weltweit aussehen wie Kopenhagen? Kann, sagen wir, New York wirklich so sein wie Kopenhagen?

Warum nicht? (lacht) Jede Stadt kann ein bisschen sein wie Kopenhagen. Und wenn Sie von New York sprechen – gerade dort hat ja Jan Gehl mit der Fußgängerzone am Times Square eine der umfangreichsten urbanen Transformationen der jüngeren Vergangenheit eingeleitet. Aber natürlich können auch wir viel lernen. Ich habe die Barcelona-Superblöcke ja schon erwähnt. Wir würden gerne etwas Ähnliches machen. Aber angesichts unseres mittelalterlichen Grid-Systems wird das schwierig.

Und was kann man von New York lernen?

Einerseits kann jede Stadt aus den Fehlern und Korrekturen anderer Städte lernen. Nehmen Sie Downtown Manhattan: Das Finanzviertel war sehr monofunktional, außerhalb der Bürozeiten tot. Während Covid gingen viele kleine Geschäfte ein. New York reagiert darauf und bringt das Wohnen nach Downtown zurück. Und noch etwas bewundere ich an New York: Entscheidungsfindung im großen Stil und politischen Mut. Manchmal wird etwas, für das wir 20 Jahre brauchen, in den USA in zwei Jahren realisiert. New York hat heute 500 Kilometer Radwege, wir haben 400. Das ist Stadtentwicklung wie ein Dampfzug.

Seit 2019 ist Camilla van Deurs leitende Stadtarchitektin der Stadt Kopenhagen. Vorher arbeitete sie als Partnerin bei Gehl Architects. An der Royal Danish Academy wurde sie im Fach Urban Design promoviert.

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