Vom funktio­na­len Ver­kehrs­knoten zum Stadt­foyer

Der Münchner Hauptbahnhof und das neue „Central Quartier“ stehen vor einer ambitionierten Transformation. Denn das Gebiet bringt viele Besonderheiten mit.

Simone Fasse

Der Münchner Hauptbahnhof ist vor allem eines: ein überlasteter und funktionaler Ort. Das galt schon vor dem Mega-Umbau. Trotz denkmalgeschützter Gleishalle und modernisiertem Untergeschoss hält es Reisende dort nicht länger als unbedingt nötig. Mit dem Neubau des Empfangsgebäudes und der Neuordnung der angrenzenden Stadträume soll sich das künftig grundlegend ändern. Verantwortliche sprechen gar von einem Jahrhundertprojekt. Konkret: Der Bahnhof soll nicht länger bloß Endpunkt von Gleisen sein, sondern ein einladender, architektonisch geprägter Stadteingang – und zugleich der räumliche Impulsgeber für ein neues Quartier, das sich nach einem kürzlich abgeschlossenen Abstimmungsprozess nun statt Bahnhofsviertel „Central Quartier“ nennt.

Der neue Münchner Hauptbahnhof nach Entwurf von Auer Weber Architekten soll als modernes Ensemble mit einem Hauptgebäude und sieben oberirdischen Geschossen aufwarten und den sogenannten Starnberger Flügelbahnhof als Hochpunkt mit 17 Geschossen integrieren. Hinzu kommen Handels-, Gastronomie- und Dienstleistungsflächen, die sich auf mehreren Ebenen über und unter der Erde verteilen. Die Eröffnung des Interimshauptbahnhofs ab 2027 dient als Übergang, während der eigentliche Neubau frühestens 2037/2039 fertiggestellt wird, nach der Eröffnung der zweiten Stammstrecke, deren Bau sich immer weiter verzögert.

Durch den Umbau soll der Hauptbahnhof dann nicht weniger als einer der modernsten „Mobility Hubs“ der Welt werden und sein Fahrgastaufkommen in den kommenden Jahren nahezu verdoppeln – von heute rund 450.000 auf künftig bis zu 850.000 Fahrgäste pro Tag, so die Prognosen. Martin Klemp, Partner im Büro Auer Weber, sieht in dem Projekt eine historische Chance für München, ein neues Stadtfoyer zu schaffen, „mit einem verkehrsberuhigten Bahnhofplatz und einem Empfangsgebäude, das diesen Namen verdient.“ Eine stärkere Integration von Rad- und Fußverkehr sowie Grün- und Aufenthaltsflächen sollen aus einem Verkehrsknoten ein lebenswertes Zentrum machen.

Neu ist dabei vor allem die räumliche Ausrichtung. Gewohnt waren zwei Haupt-Ausgänge mit chaotischen Vorplätzen. Künftig soll der Bahnhof selbst Teil des Stadtraums sein. Die Passagen werden nicht mehr als reine Verteilerkorridore geplant. Der alte Bahnhof funktionierte vor allem linear: hinein, hindurch, hinaus. Der neue Bahnhof denkt auch in neuen Achsen. Insbesondere sollen starke Nord-Süd-Verbindungen etabliert werden in Richtung Arnulfpark und Schwanthalerstraße.

Das verstärkt die maßgebliche Rolle für die gesamte Stadt, als Taktgeber für die große Transformation des Viertels.

Wichtiges Element des neuen Bahnhofes wird der großzügige Vorplatz.
Frontalperspektive auf den Bahnhof. Ein wenig Techno-Ästhetik der Renderings darf man wohl abziehen.
Luftigkeit beherrscht den Entwurf von Auer Weber.

Denn damit werden bisher getrennte Stadträume verknüpft.

Plätze, Zugänge und Passagen werden so gestaltet, dass der Bahnhof nicht nur von allen Seiten erreichbar wird, sondern auch dazu einlädt, umrundet zu werden.

Die Architektur allein erzählt dabei jedoch nur die halbe Geschichte. Bahnhöfe sind immer auch soziale Brennpunkte. Der Münchner Hauptbahnhof bündelt wie kaum ein anderer Ort in der Stadt Mobilität, Migration, Armut, Nachtökonomie und Alltagsleben. Immer mehr soziale Aufgaben werden etwa von der Bahnhofsmission übernommen.

Umso wichtiger ist der Anschluss an ein funktionierendes Viertel, das mit vielen historisch gewachsenen Besonderheiten aufwartet. Denn städtebaulich unterscheidet sich das „Central Quartier“ von klassischen Innenstadt-Großprojekten. Es ist geprägt durch eine außergewöhnlich hohe bauliche Dichte mit kleinteiliger, parzellierter Struktur, wartet mit komplexen Eigentümer- und Nachfolgesituationen auf und ist zu großen Teilen versiegelt. Wie in vielen Städten sind hier zudem Rotlichtmilieu, Drogenproblematik oder Spielbetriebe zu finden.

Der neue Name, forciert von der „Initiative Zukunft Bahnhofsviertel“, die alle prägenden Akteure mit Immobilienbranche, Projektentwicklern, Gastronomie, Hotellerie, Einzelhandel, Kultur und lokaler Wirtschaft vereint, knüpft damit auch an die historische Bedeutung des Viertels an. Schon um den 1849 eröffneten Centralbahnhof habe sich „ein neues Zentrum für das städtische Leben“ entwickelt, so der Stadthistoriker Franz Schiermeier. Nach nahezu vollständiger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg hat sich der Charakter des Viertels erneut verändert. Thomas Linsmayer, Geschäftsführer des Deutschen Theaters, das im Herzen des Quartiers angesiedelt ist, beschreibt das Viertel so: „Hier ist es lebendig, international, urban und bunt. Das macht seine Faszination aus.“ Auch die Hoteldichte ist bereits groß. Anbieter wie etwa das 25hrs haben weit vor den Umbauplänen des Hauptbahnhofes das Viertel aufgewertet und die Bewegungen in Richtung Zentrum erkannt. Internationale Unternehmen wie Google und Apple haben sich ebenfalls nahebei angesiedelt.

Zunehmend zieht es solvente Beschäftigte in die City.

Zentrale, schnell erreichbare Standorte sind gefragt, denn gegen die gewachsene Anziehungskraft des Homeoffice und für den Wettbewerb um Tech-Talente benötigen Unternehmen attraktive Konzepte. Die Ansprüche an Architektur und Konzept sind durch Aufenthalte und Reisen in der globalisierten Welt deutlich gestiegen.

Ein neuer Fokus liegt deshalb auf „Mixed Use“, also die Verbindung von verschiedenen Funktionen wie Arbeit, Freizeit, Wohnen und Gastronomie unter einem Dach.

Insgesamt sollen im südlichen Bahnhofsviertel ~230.000 m² neue Büroflächen entstehen.

Beispiele dafür sind die Projekte „The Stack“ und „The Verse“, die von international renommierten Architekturbüros geplant und für eine internationale Klientel konzipiert werden. Architektonisch ist derzeit „The Stack“ in Holzhybridbauweise herauszuheben. Intensiv begrünte Fassaden oder Dachgärten, wie etwa bei „The Verse“ in Planung, sollen das Mikroklima verbessern. „The Verse“, von Herzog & de Meuron für Accumulata geplant, soll als eines der prägenden Entwicklungsprojekte im Quartier eine besondere städtebauliche Rolle spielen, denn hier werden Strukturen bewusst geöffnet: Mit einem öffentlich zugänglichen Innenhof, offenen Fassadenzonen und transparenten Erdgeschossen sollen neue Sichtbeziehungen und eine erhöhte Durchlässigkeit geschaffen werden.

Überhaupt liegt in der Gestaltung der Erdgeschosse eine der wichtigsten Herausforderungen im neuen Central Quartier. Die Hotels haben vorgemacht, wie das funktionieren kann: mit offenen Lobbys, Gastronomie, kulturellen Angeboten und langen Öffnungszeiten. Denn die Gefahr von glatten Sockelzonen ohne spannende Brüche ist durchaus gegeben. Konkrete öffentliche oder halböffentliche Konzepte sind gefragt. Kreativunternehmen, die lange ein Garant für pulsierendes Stadtleben und innovative Innenraumkonzepte waren, sind wirtschaftlich kaum mehr in der Lage, die hohen Mieten in den investorgetriebenen Objekten zu stemmen. Die neue Bebauung und die Nutzungskonzepte müssen beweisen, dass sie die bislang herrschende Vielfalt nicht komplett verdrängen, sondern im Sinne echter Urbanität weiterführen.

Das Accumulata-Projekt „The Verse“, geplant von dem renommierten Architekturbüro Herzog & de Meuron ...
… sowie das bereits realisierte Objekt „The Stack“, ein Holz- hybridbau von Wilmotte & Associés

Simone Fasse ist freie Wirtschafts- und Technikjournalistin, Beraterin für strategisches Storytelling und Moderatorin in München. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit neuesten Technologien und resilienten Städten. Aktuell wirkt sie unter anderem für das Munich Urban Colab als Chefredakteurin des Magazins „Colab Quarterly“.

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